Staudamm – Paradoxie des Schmerzes

by on 01/06/2014
© milkfilm 2012

© milkfilm 2012

Was ist das Erschreckendste am Amoklauf? Die Tat selbst oder die Tatsache, dass der Täter ein Täter ist, von dem man es eigentlich nie erwartet hätte?

Roman (Friedrich Mücke), Mitte 20, hat seinen Platz im Leben noch nicht recht gefunden und lebt in einer Art Lethargie. Sichtlich überarbeitet jobbt er bei einem Anwalt (Dominic Raacke) und spricht ununterbrochen Fallakten für ihn ein. Darunter auch die Protokolle und Zeugenaussagen des Tathergangs eines Amoklaufs an einem Gymnasium in einem kleinen Ort in der Provinz. Als eines Tages noch ein paar Akten des Falls fehlen, schickt ihn sein Chef zum Ort des Geschehens, um sie bei der Polizei abzuholen. Da er die Akten aber nicht gleich mitnehmen kann, ist Roman gezwungen länger vor Ort zu bleiben. Dabei lernt er die Schülerin Laura (Liv Lisa Fries) kennen, die den Amoklauf überlebt hat und seitdem immer wieder nachts in die Schule eindringt, um dort Fotos zu machen und so versucht für sich die Tat zu verarbeiten. Durch ihre Erzählungen und die Fallakten bekommt Roman langsam und Stück für Stück ein Bild der Tat und erkennt, dass hinter der scheinbaren Ruhe die Laura ausstrahlt, aufgestaute Trauer und Schmerz liegen.

Zugegeben, auf den ersten Blick kommt Staudamm langsam daher, so dass man sich fragt, wann denn endlich mal etwas Dramatisches passiert. Doch der Film braucht keine dramatische und actionreiche Inszenierung und trifft somit den eigentlichen Kern der Sache.
Das Dramatische und das Erschreckende am Amoklauf und seine Anfänge ist, dass sie fern von der effekthascherischen und spektakulären Inszenierung der Medien und auch mancher Hollywood-Verfilmung sind. Kein großes Feuerwerk oder gar ein Täter, den man ohne Zweifel als psychisch krank einordnen kann und dem der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben steht. Im Gegenteil, wie der Film eindrucksvoll zeigt, entsteht der Amoklauf aus der Stille. Der Täter ist ein unauffälliger Mensch, von dem selbst Laura nicht geglaubt hat, er könne so etwas tun. Ein Täter aus der Mitte der Gesellschaft.

Es ist diese „Alltäglichkeit“ der Sache, die erschreckend und unbewusst verletzend ist. Und gerade diese Alltäglichkeit der Sache, verwandelt sich fast schon in eine emotionale Gleichgültigkeit oder besser gesagt emotionale Ratlosigkeit. Laura, die direkt betroffen war, scheint die Geschehnisse mit einer erschreckenden Normalität und fast schon lakonischen Ruhe abzutun. Und es ist gerade auch diese Normalität des Täters, die die Sache unfassbar macht und dabei eine Art Staudamm aufbaut, hinter dem sich die wahren Emotionen verbergen und nicht raus gelassen werden. Es sind zum Beispiel die stellenweise als Voice-Over nüchtern vorgelesen Fallakten, die im krassen Gegensatz zur eigentlichen Tragik der Tat stehen und zugleich die paradox anmutende Normalität widerspiegeln, aus der der Amoklauf entstanden ist. Doch gerade durch diesen Gegensatz bezieht der Film seine Stärke.

Staudamm von Thomas Sieben trifft den Kern der Sache gerade weil er auch minimal inszeniert ist. Bis auf die Dorfbewohner und die virtuellen Auftritte von Dominic Raacke sind es nur die beiden Hauptdarsteller die den Film bestimmen. Auch die Schauplätze, an denen sich die Handlung abspielt, sind auf das Minimum reduziert. Gerade das ermöglicht es, den Fokus auf eben diese Alltäglichkeit und zugleich erschreckende Tat zu lenken. Die Inszenierung selbst ist wie eine Art Staudamm, die nur langsam in Fahrt kommt und Stück für Stück preisgibt, was hinter dem Staudamm ist. Selbst der Moment in dem Laura zum ersten Mal wieder mit der Tat konfrontiert wird und das Unterdrückte sprichwörtlich aus ihr herausbricht, ist auf ein Minimum reduziert. Doch auch hier kein Weinen, keine überbordende Trauer, sondern still und langsames Begreifen, was eigentlich passiert ist.

Der Film schafft es zuletzt nicht nur, den emotionalen Staudamm zu brechen oder zumindest zu öffnen, sondern gerade durch seine minimalistische Inszenierung auch den Zuschauer langsam an die Person und die Gedankenwelt des Amokläufers heranzuführen. Das echte Drama scheint somit am Ende zu sein: der Täter ist ein Mensch wie jedermann. Kein unmenschliches Monster, sondern ein Mensch mit Gefühlen und vor allem mit Trauer und Einsamkeit.

Kinostart: 30. Januar 2014

Pressespiegel bei Film-Zeit

Drei filmische Herangehensweisen an einen Amoklauf und ein interessantes Buch zur Entstehung des Amoks:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.