Dragan Wende – West Berlin

by on 11/02/2014
© von.müller.film

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Die Wende hat Dragan Vasilijić, wie Dragan vor seiner Heirat hieß, in mehrerer Hinsicht stark beeinflusst. Nicht nur, dass sie Teil seines Namens ist, sie ist seine Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Vor der Wende profitierte er von der Mauer, dem abgeschotteten Insel-Dasein von West-Berlin im kommunistischen Osten. In den 1970er und 1980er Jahren hatte Dragan, Sohn eines Gastarbeiters der in das geteilte Berlin kam, Geld, Frauen, Champagner – und einen jugoslawischen Pass, angeblich den „besten der Welt“. Er kostete seine Blockfreiheit und die damit verbundenen Priviligien voll aus: Während er das vibrierende Nachtleben West-Berlins orchestrierte und in den angesagtesten Clubs arbeitete, verdiente er sich mit zwielichtigen Geschäften durch die Berliner Mauer eine goldene Nase.
Die Wende, dieser Umbruch in der deutsch-deutschen Geschichte, brachte aber auch eine Wende in Dragans Leben. 25 Jahre danach, nach ihrem Fall ist diese Mauer in Dragans Kopf höher denn je: 1989 verlor er seine Privilegien, machte ausschließlich die Wende für seinen persönlichen Niedergang verantwortlich und hat seitdem keinen Fuß mehr nach Ost-Berlin gesetzt. Er ist nunmehr eine kauzige Randfigur, die von Sozialleistungen und der Erinnerung an glorreiche Zeiten lebt und täglich virtuos ums Überleben kämpft.

Es ist schon irgendwie komisch. Von Beginn an verlässt einen nicht das Gefühl, dass es sich bei Dragan Wende – West Berlin um ein Mockumentary handelt. Auf der einen Seite, weil die Geschichte um Dragan stellenweise so skurill lustig und absurd komisch klingt, dass sie eigentlich gar nicht wahr sein kann. Auf der anderen Seite, weil der Film von Beginn an die Handlung im eigentlich nicht mehr existierenden West-Berlin etabliert. Aber im Grunde genommen spiegelt eben genau das die Welt wider, in der Dragan feststeckt. Für ihn ist die Mauer eigentlich nie gefallen – oder besser gesagt, sie hätte nie fallen sollen.
Dragan Wende ist einer dieser Menschen, die die Worte „Vor der Wende war alles besser!“ zu ihrem Lebensmantra gemacht haben und im Gegensatz zu seinen Freunden nicht rechtzeitig den Absprung ins Hier und Jetzt geschafft hat.

© Lena Müller

© Lena Müller

Eigentlich könnte man an dieser Stelle den Protagonisten gleich als einen Ewiggestrigen abtun und die Sache dabei belassen. Und in Anbetracht seines Verhaltens, hätte man auch noch andere Gründe dies zu tun. Doch der Film schafft es auf behutsame Art und Weise uns Dragan näher zu bringen und fast immer fühlt man als Zuschauer mit ihm mit. Nicht ganz unbeteiligt daran ist auch der lockere und teils erfrischend unkonventionelle Stil des Dokumentarfilms, der mit Archivmaterial und Animationen die verschiedenen Momente miteinander verbindet. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Film ist aber Vuk Maksimovič, der nicht nur Kameramann des Films ist, sondern auch eben seinen Onkel Dragan in Berlin besucht und damit der eigentlich Motor der Geschichte ist. Es sind seine und vom Regie-Duo Dragan von Petrovic und Lena Müller ungewollten und teils auch bewusst gewollten Provokationen, die Dragan aus der Reserve locken und dabei den wahren, den unzufriedenen Dragan Wende zu Tage führen.
Und es ist gerade in diesem Momenten, in denen der Film ein bisschen seine Balance zwischen Darstellung und Bloßstellung verliert. Spätestens wenn der Zuschauer Dragan sieht, wie er in seinen Unterhosen in seinem durch das rote Licht der Vorhänge getränkte Zimmer sitzt und den Kopf sinken lässt oder er angetrunken im Dunkeln seiner Wohnung alte jugoslawische Schlager singt, bemerkt er, wie sehr Dragan doch am Boden und zu bemitleiden ist. Wie eine Art Entschuldigung mit einem bitteren Beigeschmack, erscheint da die letzte Sequenz des Films, in der Dragan in Super-8 Format wie ein König durch den Stripclub läuft, in dem er arbeitet und der Film ihn dabei in seiner nostalgischen Welt zurücklässt. Es bleibt am Ende dem Zuschauer überlassen, wie er damit umgeht.

Ungeachtet dessen, Dragan Wende – West Berlin ist ein witziger und kurzweiliger Dokumentarfilm, der schon wegen seiner Skurrilität sehenswert ist. Aber auch trotz oder gerade wegen der Zwiespältigkeit mit der er den Zuschauer zurücklässt

Kinostart: 6. November 2014

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